Vom Inselglück

Natürlich haben wir wieder viel zuviel Gepäck mitgenommen; hier braucht man doch gar nichts, bloß ein T-Shirt, ein Paar ausgelatschte Strandschuhe, einen Bikini und für den Abend einen Pullover.

Den ganzen Schminkkram und das kleine Schwarze hätte man sich auch sparen können. Aus dem Spiegel strahlt einem so viel ungeschminkte Schönheit entgegen, nicht zu fassen, dass man so aussehen kann. So entspannt, so versöhnt, so relaxt und glücklich. Warum bekommt man das zu Hause eigentlich nie hin?

In den Schuhen fühlt man den feinen Sand zwischen den Zehen und die Haare bekommt man bestimmt nie wieder glatt gekämmt.

Macht überhaupt nichts! Dabei ist man zu Hause so pingelig und ganz plötzlich ist einem einfach alles egal. Selbst zum Postkartenschreiben ist man zu faul; kommt doch einfach nach, wenn Ihr wissen wollt wie es hier ist.

Merkwürdig, wie genügsam man auf dieser Insel ist. Man sitzt den ganzen Tag eigentlich nur herum und guckt dem Meer, dem Himmel und den Möwen zu und zwischendrin schwimmt man ein wenig oder man geht essen. Nichts besonderes, ein bisschen Fisch und eine schöne Flasche Wein; schmeckt ohnehin alles als wäre es das erste Mal.

Und je länger man dieses Nichtstun tut, desto satter wird man. Müssen wir wirklich heute Abend zur Stranddisco? Rumhoppeln können wir auch zu Hause, lass und lieber den Sonnenuntergang ansehen. Wie gestern … und morgen. Am Horizont fährt gerade ein Schiff vorbei. „Vorbei" ist sowieso das perfekte Inselwort.

Das schöne an Inseln ist nämlich, dass das Leben an ihnen vorbeizieht. Kein Dax, kein Fax, kein Trend, kein en vogue. Bleibt alles auf dem Festland, wo es hingehört. Und zu Hause werden wir – wie jedes Jahr – feststellen, dass wir gar nichts verpasst haben.

Abends gehen wir manchmal ins Strandcafe und sehen anderen Menschen beim Glücklichsein zu. Die Kinder tauchen Muscheln und Seesterne, das Paar in den mittleren Jahren haben das Händchenhalten wieder gelernt und die Mädchen führen den Beachboys ihre neue Haarfarbe vor. Manchmal ziehen sie ab, hinter die Dünen, wo niemand sie sieht und gelegentlich weht der Wind ein Kichern herüber.

Die Einheimischen nehmen uns freundlich auf und bleiben immer ein wenig auf Distanz.

Was wissen wir Festländer schon vom Inselleben?

Im Herbst, wenn die Stürme um die Insel toben, sind wir längst wieder zu Hause und arbeiten uns halbtot für den nächsten Sommer, wieder ein Inselsommer auf Amrum …

Vielleicht sollten wir hier bleiben, für immer! Eine kleine Märchenwelt für den Rest unseres Lebens …

Keine Ahnung, warum wir das nie schaffen – aber wir träumen so oft davon.

So lange wir denken können, sehnen wir uns nach der Insel; Totenkopfflagge, Schatztruhen, buddeln im Sand, Salzkristalle in der Luft und dieser unglaublich saubere Geruch nach Meer.

Nur Robinson Crusoe hat das nicht verstanden und gleich nach seiner Ankunft zu schuften begonnen, wie ein Verrückter.

Ach ja, wenn wir ehrlich sind, wären wir wahrscheinlich genauso.

So geheuer sind uns unsere Träume dann auch wieder nicht, dass wir Ihnen nachgehen können.

Morgen geht unsere Fähre … aus der Ferne werden die Inseln aussehen wie Perlen in der Nordsee und das Meer wird noch ein letztes Mal grautürkis leuchten, am Anleger in Dagebüll ein letzter Blick auf´s Meer und dann ab hinter den Deich – noch eine kurze Atempause – und dann ab auf die Autobahn – Alltag.

Wir werden wieder einmal wehmütig seufzen und denken „wir kommen wieder, bestimmt, ganz sicher" schließlich haben wir schon vorsorglich für´s nächste Jahr gebucht, eine Vorfreude, die sich bis zum Jahresende hinzieht und dann, ab Januar, ganz schlimm wird.

Spätestens zwei Wochen Arbeitsleben und Alltag später kommt die Sehnsucht wie ein Anfall über uns.

Tipp: Amrum-Videofilm mit der wunderbaren Stimme von Peer Schmidt auflegen und laut seufzen … noch elf Monate, zwei Wochen und … Tage! Wie sollen wir das bloß aushalten?

Tja, so isses … Moin Moin bis 2006!

Ein – einmal Amrum, immer Amrum – süchtiger Stammgast

 

 

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